Nov
26
2007

Stars & Drogen: “Ich gehe mal davon aus, dass sich Paul Mc Cartney immer noch gerne einen Joint ansteckt.”

Schon seit einigen Tagen wollte ich einen simplen “Very gute Musik”-Post zur neuen Amy Winehouse Single “Tears Dry On Their Own” setzen. Aber seit diesem bizarren, verstörendem Foto (über das man tatsächlich in den ersten Sekunden nur lachen kann) fällt einem das schwer.

Es kommen so Gedanken von “gesellschaftlicher Verantwortung”. Frei nach dem Motto: Unterstützt nicht die Junkies, sonst fühlen sie sich nur bestätigt. Aber es ändert nichts daran, dass diese Nummer großartig ist. Im Clip beachte man die kleinen Pupillen.

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Frau Winehouse ist nun ein sehr spezieller Fall, vor allem durch ihre Medienpräsenz noch unendlich multipliziert und in den Vordergrund gehoben. Immer weniger geht es um ihre Musik, viel mehr um ihre Eskapaden, ihre (oftmals nicht statt findenden) Auftritte und ihren Mann.

Aber Amy Winehouse ist lange, lange nicht das einzige Beispiel für drogensüchtige Musiker. Die scheinen ja besonders anfällig zu sein. Warum eigentlich?

Der Frage geht es auf den Grund mit kleinen Fragen an Dr. Jörg Fachner von der Universität Witten/Herdecke. Er schrieb eine Abhandlung zum Thema “Musik & Drogen“, wirkt an den Internetseiten “Musictherapyworld” und “MusicTherapyToday” mit und in seiner EMail-Signatur steht die Zeile “Chair for Qualitative Research in Medicine (Prof. Dr. Aldridge)”. Das klingt für mich überzeugend.

Die Antworten sind grandios: Musik wirkt tatsächlich wie eine Droge (das ist sogar bewiesen!). An diesem Punkt war mir klar, warum ich wirklich ab und an wie auf Drogen bin ohne diese zu konsumieren.

1. Warum scheinen vor allem Promis & Stars den Drogen zu verfallen? Oder wirkt das vielleicht nur durch die überstarke Medienpräsenz so?

Jede gute Bühnenperformance verlangt eine gekonnte Domestizierung der eigenen Emotion. Je offener und freifließender die Gefühle zum Ausdruck gebracht werden können, desto mehr Resonanz ensteht im Publikum. Der/Die MusikerIn muss “das Haus rocken” und “sich den Arsch abspielen”. “Geb den Leuten, was sie wollen” heißt also neben der selbstverständlichen Beherrschung der genretypischen Performancemittel (Stimme, Tanz, Spielfertigkeit am Instrument, etc.) emotionales Verausgaben.

Da die meisten Drogen auf die Emotion und positive Bewertung der eigenen Tätigkeit wirken (oft genug sind es narzistische Tendenzen, die vorhanden sein müssen um von so vielen Menschen für die eigene Tätigkeit geliebt werden zu wollen…), kann ein Künstler den tückischen Weg wählen die Bandbreite des emotionalen Ausdrucks durch Drogen zu beeinflussen. Alkohol “löst die Zunge”, euphorisiert und stärkt das Selbstvertrauen ebenso wie Kokain, Aufputschmittel, oder auch Cannabis in seiner ersten Wirkphase. Drogen erscheinen in diesem Zusammenhang sozusagen als Arbeitsmittel, als Hilfestellung. Eric Clapton beschrieb das so: “Eine Menge meiner künstlerischen Ideen kamen durch Marihuana erst richtig raus, Alkohol half mir die traurige Seite meiner Musik (Blues) zum Ausdruck zu bringen. Das Problem ist nur das diese ‘Schlüssel’ zur Kreativität irgendwann wichtiger werden als die Türen, die sie öffnen und das ist dann die Drogenfalle” (Sinngemäß zitiert, Quelle kann ich liefern).

Was die Medienpräsenz angeht so weiß jeder Marketingmensch im Musikgeschäft, dass Drogen Rebellionsattitüde, Individualität, Stardom, Vitalität, etc. symbolisieren und Tabuthemen -hier also Drogenexzesse- vor allem mediale Aufmerksamkeit schüren. Das sehen wir gerade wieder bei Amy Winehouse (heißt die wirklich so?! [Ja, Anmerkung von mir]), hatten das bei Pete Doherthy, bei Britney Spears etc. “Any Promotion is good Promotion” heißt es in der Branche und jeder gute Popkünstler (was die Genannten ganz offensichtlich sind) weiß auch darum. Robbie Williams bekam seine “Street credibility” nach seinem Take-That Ausstieg erst als er durch seine “Drogenprobleme” des öfteren in den Schlagzeilen war. Will also sagen, offen zur Schau gestellter Drogenkonsum von Stars ist ein Marketingtool, auf Kosten der eigenen Gesundheit; aber schlecht geht es den meisten damit nicht wirklich, es sei denn sie werden wirklich abhängig (geht nur bei Heroin, Alkohol, Kokain je nach Häufigkeit des Konsums, etc.) doch ich gehe mal davon aus, dass insbesondere die Genannten [zwar] ihre Drogenprobleme, aber hauptsächlich Fototermine an der Pforte von irgendwelchen Reha-Einrichtungen haben…. Wär doch mal interessant zu erfahren was so eine Einrichtung daran verdient. Nun will ich das nicht verharmlosen, gerade Eric Clapton unterstützt eine Reha-Einrichtung und schon einige berühmte Jazzmusiker wie Charlie Parker waren in den 40er und 50er Jahren Patienten der Musicians Clinic in New Orleans.

2. Warum hängen scheinbar vor allem Musik und Drogen seit eh und jeh zusammen?

Neben einigen anthropologischen Erkenntnissen zu Übergangsritualen, Rauschbedürfniss, sozialem Zusammenhalt von Gruppen und Tradierung komplexer kultureller Inhalte gibt es eine einfache medizinische Erklärung: Musik durchläuft wie jeder Schall auf seinem Weg zum entspechenden Sinneszentrum im Gehirn (Auditorischer Cortex) das Limbische System, in welchem die Emotionen entstehen und welches die Belohnungssysteme im Gehirn anspricht. Drogen wirken primär auf das Belohnungsystem des Gehirns, ebenso lässt uns ein Klang, der uns gefällt uns besser fühlen. In einer wissenschaftlichen Arbeit wurde gezeigt, dass geliebte Musik die gleichen Gehirnzentren aktiviert wie euphorisierende Drogen.

Zudem wirken Drogen auf die Zeitwahrnehmung und Musik ist nicht denk und machbar ohne den Zeitverlauf. Ausdehnung oder Raffung der subjektiv wahrgenommenen Zeit durch Drogenwirkungen kann also für Musiker und Musikhörer eine reizvolle Variationsmöglichkeit bieten.

3. Welche Drogen werden vor allem konsumiert – und warum gerade diese?

Wenn man Musik sozialpharmakologisch betrachtet, kann man sehen, dass bestimmte Typen und Musikszenen auch auf bestimmte Drogen ’stehen’. Während des Rock’n'Roll waren es zumeist die Aufputschmittel und Alkohol die von den Rock’n'Rollern genutzt wurden. Sehr schön illustriert im Film über Johnny Cash.

Mit der Hippiezeit kamen die bewusstseinserweiternden Drogen, wie LSD, Psilocybin, etc. Nach den grauen 50ern (Bonjour Tristess!) sollte alles ein wenig bunter und freier werden, ob das nun die Kleidung oder die Musik war, entscheidend war die Grenzüberschreitung. Hierzu gibt es ein schönes Buch von Harry Shapiro, der den Zusammenhang von Drogenwirkung und Musikgeschäft in sozialphamarkologischer Hinsicht aufdröselt.

Es gibt sicherlich auch einen Zusammenhang zwischen den Wirkungen der Drogen und der Vorliebe für eine bestimmte Musik. Das ist aber äußerst komplex, hat was mit Identitätsbildung, den Einstellungen und bevorzugten Symbolsystemen etc. zu tun und nicht zwangsläufig mit der Droge und ihren Wirkungen. Wie erklärt sich beispielsweise der Cannabis-Konsum von dem Countrystar Willie Nelson? Wenn man seine langen Harre sieht, könnte man behaupten er wär ein alter hippie. Aber erklärt das seinen Konsum im Zusammenhang mit Country Musik? Irgendwie hat sich aber wohl eine sozialpharmakologische Beschreibung von Musik durchgesetzt.

So wird manche Musik als ‘typische Kiffemusik’ bezeichnet, in einer Plattenkritik wurde vom ‘Haschhasen Nick Drake’ geschrieben, oder ‘man kann sich diese Musik auch nüchtern anhören’. Habe dazu schon einige Beispiele gesammelt. Es gibt anscheinend ein Erfahrungswissen im popkulturellen Diskurs, der über Gemeinplätze von Drogenwirkungen (verstärkt möglicherweise durch die eigenen Erfahrungen) auf das Sounddesign der jeweiligen Bands schließt. Dies scheint für Musikjournalisten auch verallgemeinerbar zu sein. Ich wüsste gern welche Kriterien das sind. Wenn ich nachgefragt habe, ging zumeist das Gestammel los und über den Umweg der Assoziation mit anderen Künstlern, dem symbolischen Charakter ihres Musikgenres und deren Konsumvorlieben kam es dann zur Begründung. Wär mal ein nettes Forschungsprojekt.

Aus meinen eigenen Untersuchungen zeigte sich das Cannabis Regionen im Gehirn aktiviert in denen Zeitgefühl, Aufmerksamkeitsprozesse und Klangraum verarbeitet werden. Das lässt sich als eine fokussiertere psychoakustische Verarbeitung von Klängen verstehen. Das heißt aber nicht, dass das irgendetwas mit der Musik zu tun hat, sondern eher damit wie man diese Musik im musikalischen Zeitraum wahrnimmt.

4. Welche Auswirkungen hat der öffentliche Drogenkonsum auf uns “Medienkonsumenten”/auf die Gesellschaft?

Dass die entsprechenden Zeitungen gekauft werden; die Menschen interessieren sich seit jeher mehr für Katastrophen und böse Buben als für Mutter Theresa. “Höchst fatal bemerkte Schlich aber zum Glück ja nicht für mich” hat schon Wilhelm Busch die Neigung zum Gossip kommentiert.

5. Was zeigt die Vergangenheit: Handelt es sich beim Drogenkonsum der Promis um Phasen oder zieht sich der Drogenkonsum durch das gesamte Leben?

Ich gehe mal davon aus, dass sich Paul Mc Cartney immer noch gerne einen Joint ansteckt. Der überlegt sich aber bestimmt dreimal wann er das tut. Ich würde sagen die Exzesse sind Phasen aber der Genuss und die Entwicklung von Genussfähigkeit und eine damit verbundene Enthaltsamkeit steigt bei einem vernünftigen Menschen mit dem Alter. Man muss lernen sein Gehirn zu benutzen. Dazu gehört auch das Wissen um die eigenen Grenzen. Aus der Anthropologie weis man, dass Jugendliche in der Adoleszenz Grenzen überschreiten müssen um sich abzunabeln. In vielen Übergangsritualen indigener Völker werden gezielt die Drogen der eigenen Regionen eingesetzt um hier mythologisches und stammesgeschichtliches Wissen als Grenzerfahrung und Bindung an Tradition zu verankern. Solche Traditionen kennen wir hier nur vom Oktoberfest, der Rest hat sich in die Partykultur der Popwelt verlegt. Da sich die Adoleszenz in unserer westlichen Industriegesellschaft immer mehr ausweitet, weitet sich auch die Zeit solcher selbst organisierten Übergansrituale aus und die Freizeit- und Kulturindustrie verdient nicht schlecht daran.

Grundsätzlich verliert sich die Zeit der Exzesse aber nach dem 30ten Lebensjahr. Bis 23 oder 24 Jahren kann ein normal gesunder Mensch schon eine Menge extremer Parties und Exzesse vertragen, der Körper kann sich schneller regenerieren, mit 40 jedoch nicht mehr so einfach. Das ist sicherlich bei den Stars nicht anders.

Es dankt unendlich sehr für die Antworten: ich.

Vor allem vor dem Hintergrund, dass Herr Dr. Fachner, laut eigener Aussage, zwar gerade Lust, aber “eigentlich keine Zeit” zum Beantworten hatte. Zum Schluss noch sein ganz persönlicher Zusatz: “Nix ist in Stein gemeißelt, einiges ließe sich auch noch anders erklären/beantworten/ausführen, aber das kennen Sie ja sicherlich.” Ja, aber so war das wirklich toll.

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