Musikpiraterie: “Wir wollen niemanden an den Rand des Ruins führen”

Die Musikindustrie steckt immer noch in einem Trauma. Seit Napster ist nichts mehr, wie es war und als Napster weg war, wurde es nur noch schlimmer.

Kaum ein Tag an dem die Plattenfirmen nicht mit einer neuen Idee kommen um ihr Geschäft zu retten. Nebenbei bekämpfen sie massivst die Menschen, die früher ihre Kunden waren und ihnen in der Zeit voraus weggerannt sind. Und noch heute ist es nicht annähernd so einfach Musik zu kaufen, wie es damals möglich war mit Napster an Musik zu kommen.

Für die deutschen Plattenfirmen zieht die Firma proMedia aus Hamburg in den Kampf. In den letzten Wochen wurde viel über diese Firma berichtet. Mal sachlich, mal plakativ, mal kritisch, mal über problematische Einzelfälle: Die Polizei nimmt einem Grafiker seinen Arbeits-Laptop weg, weil der 13jährige Sohn Musik im Netz getauscht hat. Der Grafiker bekommt seinen Laptop nicht zurück, seine Existenz steht auf dem Spiel.

Auch ich hatte für N-JOY, SWR3 und SWR2 die Büros besucht, habe mich dabei bewusst nur auf den Punkt “Wie arbeiten die?” beschränkt.

Nach der Kritik gegen proMedia habe ich mir überlegt noch einmal einige Fragen nachzuschieben.

Deshalb heute: kleinefragen an Frank Lüngen – Chefermittler von proMedia.

1. Zu Beginn ein paar Zahlen – speziell auf Ihre Arbeit im Internet gerichtet: Wie viele Personen arbeiten für proMedia? Wie viele Verfahren leiten sie circa pro Tag ein? Wie viele Verfahren kamen bisher durch die Arbeit von proMedia zum Abschluss? Falls solche Zahlen zu veröffentlichen sind: Wie viel Geld haben die Plattenfirmen bisher durch Abmahnungen eingenommen?

Bei der ProMedia arbeiten rund 100 Personen. Allein in den ersten sechs Monaten des Jahres wurden 25.000 Strafanzeigen gestellt, die wir kontinuierlich abarbeiten. Wir haben in diesem Jahr rund 13.000 Abmahnungen wegen illegalen Filesharings verschickt. Rund 3.000 Verfahren wurden meist per Vergleich bereits abgeschlossen. Die Vergleichszahlungen liegen in der Mehrzahl der Fälle zwischen 500 und 2.000 Euro. Die Gelder fließen ausschließlich in die Pirateriebekämpfung, Prävention und Aufklärung.

2. In Ihren Büros sitzt auch Herr Rasch, ein Anwalt der Plattenfirmen. Genau deshalb sind Sie jetzt großer Kritik ausgesetzt Ankläger und Ermittler in einer Person zu sein. Was ist Ihr Gegenargument?

Wir haben daraus nie ein Geheimnis gemacht, weil darin auch nichts unrechtmäßiges zu sehen ist. Ankläger im klassischen Sinne ist nicht der Anwalt der betroffenen Firmen sondern der Staatsanwalt. Er entscheidet auf Basis der vorliegenden Beweise über das weitere Vorgehen. Wir wären dankbar, wenn Polizei und Staatsanwaltschaften angesichts der massenhaften Urheberrechtsverletzungen im Internet selbst ermitteln würden. Leider ist das nicht der Fall.

3. Stern TV hat Sie indirekt an den Pranger gestellt, weil Sie geltendes Recht wahrnehmen und vor allem gezeigt, wie scheinbar unschuldige junge Menschen und Familien wegen Ihrer hohen Forderungen an den Rand der Pleite getrieben werden. Wie haben Sie die Berichterstattung wahr genommen?

Leider kommen in der Berichterstattung fast nie die Betroffenen auf der anderen Seite zu Wort. In den letzten zehn Jahren haben bei den Labels und im Handel rund 10.000 Menschen ihren Arbeitsplatz verloren. Über diese Familien berichtet leider niemand. Viele Künstler können von ihrer Arbeit nicht mehr leben, weil es in der Gesellschaft bei geistigem Eigentum eine Selbstbedienungsmentalität gibt nach dem Motto: “Alles haben wollen, umsonst und sofort”. Es ist auch gar nicht unser Interesse, jemanden an den Rand des Ruins zu drängen. Dass ist auch eine explizite Anweisung der Firmen, die uns beauftragen. Im Gegenteil. Wir orientieren uns bei unseren Verhandlungen mit den Betroffenen an deren wirtschaftlichen Verhältnissen.


4. Was hat die Musikindustrie konkret falsch gemacht? Irgend etwas muss doch daneben gelaufen sein. Schließlich lebt die Post auch noch, obwohl jeder kostenlos über das Internet kommunizieren kann?

Der Vergleich hinkt. Ein Weihnachtspaket lässt sich eben nicht über das Internet verschicken – Musik schon. Heute wird mehr Musik gehört denn je und obwohl Musik im Vergleich zu früheren Jahren immer preiswerter geworden ist, wollen die Leute nicht dafür bezahlen. Wenn diese Entwicklung weiter fortschreitet, dann wird die Vielfalt im Musikangebot zwangsläufig abnehmen und das betrifft vor allem die kleineren, unbekannten Künstler und Bands. Vom Kopieren können Künstler nicht leben.

5. ProMedia sucht nicht nur nach illegalen Dateien im Internet sondern auch nach gebrannten CDs auf polnischen Flohmärkten. Wie ist die Entwicklung da?

Allein an der tschechischen Grenze gibt es rund zwei Dutzend Flohmärkte auf denen geschälschte Medikamente, Zigaretten, Markenprodukte und auch CD´s und DVDs verkauft werden. Auch hier verschaffen sich wenige auf Kosten aller einen Vorteil. Dem Staat entgehen Mehrwertsteuereinnahmen in Millionenhöhen und Produktpiraterie kostet immer mehr Arbeitsplätze.

6. Verschiedene Studien behaupten indirekt, dass Ihr Arbeit keinen Sinn macht. Eine Studie besagt, dass Musiksharer im Schnitt mehr CDs kaufen als “Nicht-Sharer”. Und nun?

Die Studie folgt der Logik: Menschen die ins Krankenhaus gehen, sind häufiger krank als Menschen, die nicht ins Krankenhaus gehen. Wenn die Schlussfolgerung der Studie richtig wäre, dann müssten sich die CD-Verkäufe in den letzten Jahren nach oben geschnellt sein. Genau das Gegenteil ist der Fall, was auch zahlreiche andere Studien belegen.

7. Sie haben selbst jahrelang in der Musikindustrie gearbeitet. Wie sieht diese Industrie in fünf bis zehn Jahren aus?

Die gute Nachricht ist: Die Menschen hören mehr Musik denn je. Die Plattenfirmen erschließen mit Hochdruck neue Erlösquellen, um die Abhängigkeit vom klassischen Tonträgergeschäft zu verringern. Wir werden in den kommenden Jahren ein Vielzahl von neuen Geschäftsmodellen rund um Musik sehen.

Tatsächlich haben beide Seiten (ihr) Recht. In Gesprächen mit verschiedenen Musikern und Bands wurde mir auch klar, dass viele die Arbeit gegen Musikpiraterie unterstützen, weil sie mit der Musik eben ihr Geld verdienen.

Solche harten Fälle, wie oben beschrieben, dürfen dabei nicht vorkommen. Aber man sollte nicht nur den Plattenfirmen die Schuld zuschieben. Ich glaube, dass das Problem auch bei den zuständigen, ermittelnden Behörden liegt. Denen fehlt oft die Erfahrung. Hoffen wir jedoch, dass wir nicht solche Zustände bekommen, wie in den USA. Da sorgt derzeit ein Fall für Aufregung bei der eine Frau für 24 Musikstücke 220.000 Euro Schadensersatz zahlen soll. Die RIAA (der amerikanische Musikverband) geht in einem weit massiveren Maße gegen Urheberrechtsverletzungen im Musikbereich vor (siehe “RIAA bezeichnet MP3s von gekauften CDs als ‘unautorisiert’” bei golem.de) – und vergrault damit vielleicht auch noch die letzten CD-/Musik-Käufer.

Fakt ist: Das Thema wird uns noch lange beschäftigen. Auch mit der Frage, ob Plattenfirmen in Zukunft überhaupt noch notwendig sind, oder ob sie von Anbietern, wie MySpace abgelöst werden.

Wer vorsorgen will und auf die Vergleichszahlungen verzichten möchte und nicht mehr illegale Downloaden/Sharen möchte, kann eine sogenannte “Vorbeugende Unterlassungserklärung” unterschreiben. Mehr Infos dazu bei SternTV.

Comments 1

  1. Anonymous wrote:

    Ankläger im klassischen Sinne ist nicht der Anwalt der betroffenen Firmen sondern der Staatsanwalt. <– Lüge. Wir haben bereits mehrere Abmahnungen erhalten. Alle nicht vom Staatsanwalt, sondern von Anwälten der Promedia!

    Posted 27 Aug 2008 at 7:39 pm

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