Michael Reufsteck hat zusammen mit Stefan Niggemeier das Fernsehlexikon erfunden. Auf der dazugehörigen Internetseite weist er auf sehenswertes im Fernsehen hin.
Und weil zur Zeit viele darüber reden, wie tief doch das deutsche Fernsehen in der Krise steckt, fragte ich ihn einfach mal warum das eigentlich so ist.
deshalb heute: kleinefragen an Michael Reufsteck.

Außerdem erzählt Michael warum er lieber im Radio bei SWR3 moderiert als im Fernsehen vor der Kamera zu stehen und warum Pay-TV in Deutschland keine Erfolge feiert.
Und: Er lässt mich mit Recht auflaufen, weil ich eine Frage wirklich blöd formuliert habe! Danke, Michael
1. Was ist das Problem der deutschen Serie? Sind es wirklich nur die bösen Senderchefs, die nicht den langen Atmen haben oder stimmt die Qualität einfach nicht?
Die Kurzatmigkeit der Senderchefs ist der Teil des Problems, der sich am hartnäckigsten hält. Die Produktions- und inhaltliche Qualität, die sich nie mit den amerikanischen Standards messen konnte, ist zwar längst noch nicht auf US-Niveau angekommen, hat sich aber deutlich verbessert. Bis sich das allerdings herumspricht, könnte es einige Zeit dauern, und diese Zeit geben die Privatsender den meisten Serien nicht mehr, sondern setzen sie nach wenigen erfolglosen Episoden ab. Das ist deshalb so interessant, weil es viele Beispiele von Sendungen gibt, die auch in Deutschland mit mäßigem Erfolg starteten, sich aber nach und nach zum Erfolg entwickelten: „Ally McBeal“, „CSI“, „King Of Queens“, „Grey’s
Anatomy“, „Das perfekte Dinner“, „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, „Alles
was zählt“…
Andererseits möchten die Zuschauer vielleicht gar keine Angleichung an US-Standards. Es kann sein, dass Menschen, die gern US-Serien mögen, eben gleich US-Serien schauen, und keine deutschen; dass gleichzeitig die Fans der urdeutschen Serie vernachlässigt wurden, indem man ihnen amerikanisch anmutende Kost vorsetzte, und sie sich deshalb ebenfalls von der deutschen Serie verabschiedet haben. Der enorme Erfolg des vom ZDF wiederbelebten „Bergdoktors“, der in Österreich spielt, aber deutscher kaum sein könnte, deutet darauf hin.
2. Welche lohnenswerten Produktionen aus Deutschland gibt es denn zur
Zeit in Serie?
Da muss man eine Weile überlegen, was noch übrig ist. „Die Anwälte“ und „Herzog“, beides tolle Anwaltsserien, hat RTL nach einer bzw. drei Folgen abgesetzt, „Allein unter Bauern“ in Sat.1 wird auch nicht fortgesetzt.
“Pastewka“ ist großartig und zum Glück noch nicht abgesetzt, hat aber im Moment Pause. „Post Mortem“ mit Hannes Jaenicke ist überdurchschnittlich, und die positivste Überraschung der vergangenen Wochen ist die ARD-Serie „Mord mit Aussicht“, eine wirklich kurzweilige Krimi-Comedy-Kombination mit besonderem Dorfflair, ohne spießig zu sein.
3. Unterdrücken die mächtigen öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland einen Ausbau des Pay-TVs, wie einige Privatler den Anstalten vorwerfen? Oder gibt es tatsächlich keinen Markt für Pay-TV in Deutschland?
Der Vorwurf ist Quatsch. Es gibt deshalb keinen Markt für Pay-TV, weil dem Pay-TV attraktive Programme fehlen. Was hat das Pay-TV denn noch, wenn man den Fußball mal ausblendet, der dort nicht einmal wie in anderen Ländern exklusiv läuft? In erster Linie doch Wiederholungen uralter Serien, von denen man viele zwar gern noch einmal sehen, aber doch dafür nicht ernsthaft Geld ausgeben würde.
TV-Premieren von Filmen sind auch eine schöne Sache, aber so viele tolle Filme gibt es dann auch nicht, dass man sich die wenigen, die einen interessieren, nicht umgerechnet billiger auf DVD leihen könnte.Und eigene Qualitätsserien wie „Die Sopranos“, „Six Feet Under“ oder „Sex And The City“, die in Amerika allesamt werbefreie und vor allem mutige Produkte des Pay-TV-Senders HBO waren, sind ebenfalls schwer vorstellbar.
4. Zu deiner Webseite: Worin unterscheidet sich eigentlich das Fernsehlexikon von Wikipedia?
Bei Wikipedia kann man wissenswerte Informationen über Milch auf Ripoarisch nachlesen, sich über die Burg Šumburk im Egergraben informieren und erfährt den Geburtstag des merowingischen Schattenkönigs der Franken, Theuderich IV. Beim Fernsehlexikon nicht. Dafür geben wir unseren Senf zum aktuellen Fernsehprogramm und haben viele Texte aus dem gleichnamigen Buch online, das Stefan Niggemeier und ich zusammen geschrieben haben.
5. Zu dir: Du moderierst bei SWR3 im Radio, schreibst im Internet aber vor allem übers Fernsehen. Hat es fürs TV nicht gereicht oder haben wir dich bisher nur noch nicht in den Nachtschienen der dritten Programme gefunden?
Oh, ich bin ja ganz froh, wenn mich in den Nachtschienen der dritten Programme niemand findet. Deshalb trete ich dort ja unter falschem Namen und in Verkleidung auf.
Ich möchte schlicht lieber Radio als Fernsehen machen. Das war schon immer mein Traum, und ich werfe ja meinen Traum nicht weg, nur weil alle Fernsehen für etwas Besseres halten und automatisch der Annahme sind, Radiomoderatoren seien nur deshalb beim Radio, weil sie sich davon eine Karriere beim Fernsehen versprechen. Im Radio kann man spontaner und vielseitiger agieren, während beim Fernsehen große Teile des Arbeitstages mit langweiligem Warten darauf vergeudet wird, dass es endlich weitergeht. Bisher habe ich mich noch um keine Tätigkeit beim Fernsehen beworben und werde das auch nicht tun. Das heißt nicht, dass ich es für immer ausschließe. Es ist aber auch nicht so, dass der Berg der Angebote unüberschaubar wäre.
Und warum ich beim Radio arbeite, aber übers Fernsehen schreibe, ist schnell erklärt: Es ist immer leichter, über etwas zu schreiben, an dem man nicht selbst beteiligt ist. Als Radiomacher über Radio zu schreiben böte eine enorme Angriffsfläche, denn auch ich würde mich vermutlich nicht immer an meine eigenen Predigten halten. So schreibe ich lieber als Unbeteiligter über das Fernsehen, denn ich bin nicht der Meinung, dass man, wenn man etwas kritisiert, es erst einmal besser machen müsse. Eine nur in den Medien gängige Forderung. Kein Statiker, dessen Haus einstürzt, käme auf die Idee, eine Klage eines Kunden abzuwehren mit:
„Na und? Sie können es ja auch nicht besser!“
6. Was sollten wir dieses Jahr im Fernsehen auf keinen Fall verpassen?
„Switch Reloaded“. Da sind alle anderen Fernsehsendungen nämlich gleich mit drin.
Es dankt tausendfach: ich.
Die Links:
.: Das Fernsehlexikon im Internet.
.: Das Fernsehlexikon als Buch.
.: Stefan Niggemeier im Netz.
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