Fotograf Marco Maas: “Ich glaube, dass die Künstler in der Regel überhaupt nichts von den Regelungen wissen.”

Fotografieren ist eine wunderbare Sache. Ich kann das nicht, was mich nicht davon abhält einige Bilder im Großformat zu entwickeln und mir in die Bude zu hängen.

Profi-Fotografen gelingen da schon beeindruckendere Aufnahmen. Viele davon zu bestaunen bei Flickr. Arbeitsbedingt darf ich ab und an einen Fotografen auf diverse Konzerte im Norden schicken, damit Top-Bilder eingefangen werden.

Einer davon ist Marco Maas, dessen Konzertfotos vor einigen Wochen sogar im NDR ausgestellt wurden. Und weil (mal wieder) über die anstrengenden Verträge der Musikindustrie für Konzertfotografen diskutiert wurde (zuletzt im NDR Magazin “ZAPP”, hier nachzulesen), bestellte ich ein paar Antworten bei Marco.

deshalb heute: kleinefragen an Marco Maas

Marco Maas © Marco Maas

Dabei gibt er zu, dass er “ziemlich nerdig” ist und ein Berichtsboykott nur in den seltensten Fällen lohnt. Außerdem erfahren wir worauf wir an Bushaltestellen mal achten können.

Zwischen den Antworten findet Ihr sechs Aufnahmen von Marco, die er selber auswählen sollte – Bilder, die er “für unterschätzt hält”. Bitte klickt drauf – in groß wirken sie super schön!

1. Das Medienmagazin ZAPP (NDR) hat vor kurzem über die schweren Arbeitsbedingungen für Fotografen bei Konzerten berichtet (Infos noch einmal hier nachzulesen). Welche Knebelverträge musstest du schon unterzeichnen?

Der Beitrag handelt von den Hamburger Foto-Kollegen, alle dort angesprochenen Konzerte habe ich auch mitgemacht – wenn sich die Bedingungen im akzeptablen Rahmen bewegen, habe ich kein Problem mit dem Unterzeichnen, üblich und akzeptabel ist beispielsweise, dass die Bilder nur für die redaktionelle Berichterstattung und für ein Medium gemacht werden, grenzwertig waren beispielsweise die Stones, die sich vertraglich zusichern ließen, dass alle Negative (stand da wirklich so) nach drei Monaten vernichtet werden müssen.

Unter rechtlichen Aspekten ist der Vertragsschluss meiner Meinung nach übrigens recht fragwürdig, in der Regel sieht man den (englischen) Vertrag erst direkt vor dem Konzert und bekommt kein Exemplar – eine vielleicht lesenswerte Ausnahme, über die ich mal gebloggt habe, war Robbie Williams (Infos dazu hier in Marco’s Blog, und dazu die Einschätzung eines Medienrechtlers; evtl. auch noch interessant: Die “erkennungsdienstliche” Erfassung der Fotografen)

Schlimmer noch als die Vertragsgeschichte finde ich mitunter die (auch im Beitrag angesprochenen) Rahmenbedingungen, unter denen die Bilder teilweise entstehen müssen. Die massivste Behinderung ist dabei die Entfernung zu den Künstlern: Für Foto-Laien sind hier einmal die Bilder des angesprochenen Take That Konzerts in der Hamburger Colina mit Größenverhältnis zu sehen (Vergleichsbilder in Marco’s Blog).

Um Emotionen zu vermitteln – und darum geht es bei der Konzertfotografie – ist das Arbeiten im Foto- bzw. Sicherheitsgraben notwendig. Ich kann verstehen, wenn aus Sicherheitsaspekten der Graben nach drei Songs geräumt werden soll, aber das o. g. Fernrohr-Knipsen ist meiner Ansicht nach ausschließlich Gängelei bzw. der Versuch, eine absolute Kontrolle über die Bilder zu erlangen.

Die absurdeste Fotozeit-Begrenzung habe ich übrigens bei P. Diddy und Snoop Dogg
(der Bericht ist hier nachzulesen) erleben dürfen, dort durfte bei den ersten drei Stücken fotografiert werden, allerdings jeweils nur für 30 Sekunden. Um das durchzusetzen, stand hinter jedem Fotografen ein Security-Mensch und klopfte den Fotografen in dem ohnehin schon engen Graben auf die Schulter, wenn die Betreuerin vom Veranstalter mit ihrer Stop-Uhr 30 Sekunden anzeigte (sie kam sich dabei auch recht doof vor, wie sie mir im Anschluss sagte). Da jeder Song in den nächsten überging, waren Anfang und Ende sowieso nicht eindeutig zu bestimmen – eine Farce.

Eine letzte interessante Randbemerkung zu diesem Themenkomplex: Bei großen Shows ist übrigens fast immer zu beobachten, dass die Qualität der Beleuchtung nach den ersten drei Songs rapide ansteigt, auch hier versuchen die Vermarkter, die “guten” Lichtsituationen für die eigene PR-Maschinerie aufzubewahren – beim nächsten Konzertbesuch mal drauf achten.

Morrisey

2. Macht da nicht ein simpler Berichtsboykott Sinn?

Das ist leider nicht immer möglich – wann immer ich im Vorfeld von Knebelverträgen oder entfernten Foto-Positionen höre, sage ich das meinen Ansprechpartnern bei den Kunden, für die ich tätig bin (hauptsächlich NDR 2 und N-JOY) und setze mich für ein Boykott ein. Das geht leider nicht immer, beim oben genannten Robbie-Williams-Konzert machen zwei Radiosender mehrere Tage Programm rund um das Konzert, und verständlicherweise wollen die nach dem Konzert auch Bilder präsentieren. Ich versuche dann unter den erschwerten Bedingungen mein Bestes, nutze aber beispielsweise dann meine Seite, um auf die Entstehungs-Umstände und Missstände hinzuweisen – viel mehr Möglichkeiten sehe ich nicht.

Problematisch ist außerdem, dass zwischen Presse und Künstler etliche Instanzen zwischengeschaltet sind (typische Kette bei großen Konzerten: Ausführender lokaler Veranstalter, nationale Agentur, Pressefirma des Managements, Management, Künstler) und ich als “normaler” Fotograf mit meinem Protest nur bis zum lokalen Veranstalter vordringe. In Ausnahmefällen kenne ich über NDR- oder sonstige Kontakte noch Vertreter der nationalen Agentur. An das Künstler-Management ist in der kurzen Zeit vor dem Auftritt nicht heranzukommen.

Falls lange vor einem Konzert die schlechten Bedingungen bekannt sind, organisiert sich die Konzertfotografen-Gilde mitunter auch zum Protest, und manchmal bringt es was, in den seltensten Fällen machen aber alle mit. Positiv-Beispiel wäre hier das letzte Coldplay-Konzert, alle Agenturen und die meisten freien Fotografen haben im Vorfeld ein Boykott angekündigt, daraufhin wurden die nicht akzeptablen Foto-Bedingungen aufgeweicht – das ist aber leider die Ausnahme (die Geschichte findet sich hier in Marcos Blog).

Bei Nicht-Superstar-Konzerten mit unakzeptablen Bedinungen klappt ein Boykott nach Absprache mit den Kunden mitunter doch - Tori Amos wäre so ein Beispiel, die wollte sich ausschließlich während des Soundchecks ablichten lassen, diese Pressefreiheitsbeschränkung konnte ich glücklicherweise verzichten (Geschichte zum Nachlesen hier).

Ein anderer Fall war Amy Winehouse, die hat nur einen einzigen Fotografen zugelassen, der seine Bilder dann allen Medien zur Verfügung gestellt hat, nachdem das Management einzelne Motive freigegeben hat. N-JOY hat in dem Fall dann auf die komplette Nachberichterstattung verzichtet.

Meine Praxis in solchen Fällen ist, dass ich einen Boykott mit dem Kunden abstimme, dann an den Veranstalter in Kopie an Medienpartner schreibe und den Boykott entsprechend begründe. Mit der stillen Hoffnung, dass der das dann weiterleitet… die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

 

waltraut.jpg

3. Nach deiner Meinung: Warum machen das die Künstler? Haben sie so schlechte Erfahrungen mit Fotos bei Konzerten gemacht?

Die Frage habe ich oben schon zum Teil beantwortet. Ich glaube, dass die Künstler in der Regel überhaupt nichts von den Regelungen wissen. Wann immer ich in der Vergangenheit direkt mit den Stars zu tun hatte, haben die sich meist als deutlich umgänglicher erwiesen, als im Vorwege angekündigt. Ich denke eher, dass hier die Marketing-Abteilung beabsichtigt, ihr “Produkt” in den großen Medien einheitlich und kontrollierbar zu präsentieren, gleichzeitig die besseren Bilder für die Eigenverwertung in Form von Kalendern etc. behalten möchte.

Als Superstar sind schließlich auch mittelprächtige Aufnahmen gut genug, um mediale Aufmerksamkeit zu erlangen. Das häufig gebrachte Argument, dass Künstler nicht verschwitzt abgelichtet werden wollen, halte ich für fadenscheinig. Erstens wirken solche Bilder emotionaler und authentischer, und bei einer guten Performance ist beispielsweise ein einem guten Rockkonzert das Shirt bereits nach dem zweiten Song durchgeschwitzt.

Richard Ashcroft

4. Was mich interessiert: Jeder Berufstätige sieht das Produkt der anderen ja unter ganz eigenwilligen Kritikpunkten. Beispiel: Ich saß mit einem Grafiker vor dem Fernseher als die Tagesschau mit dem neuen Design online ging. Er fing sofort an, wie blöd das doch aussieht mit dem eingerückten Text, den drei unterschiedlichen Schriftarten etc. Dinge, die der normale Betrachter gar nicht sieht, die ihm gar nicht auffallen. Kannst du Fotos noch als Foto wahrnehmen oder sezierst du die Bilder auch nach Belichtung, Farbenspiel und Komposition?

Das ist bei mir leider wirklich so, geht sogar noch eine Stufe weiter: Wenn ich auf einem Konzert nur als Zuschauer bin, beurteile ich die Performance auch zu einem Großteil nach der Lichtshow (sind alle Künstler gut ausgeleuchtet, gibt es zu starke Nasen- oder Kinnschatten, wo sind Lichtlöcher, stimmt der Lichtrythmus mit der Musik, passen die Farben), Fehler dabei ärgern mich kollosal…

Zweite Sache, die ich grundsätzlich mache: Ich sehe mir an Bushaltestellen, in der Bahn oder am Kiosk immer sehr gern die großen Werbemotive an, speziell die Augen der abgelichteten Damen, denn bei denen kann man meist eine Spiegelung der Blitzanlage sehen, mitunter den Fotografen (das ist mir erstmalig vor elf Jahren bei dieser Single aufgefallen, und seitdem analysiere ich den Lichtaufbau auch speziell bei Promo-Fotos von Bands. Schon recht nerdig, oder?

Außerdem – aber das macht glaube ich jeder ambitionierte Hobby-Fotograf – schule ich mein Auge, indem ich bei Bildern Blende und Belichtungszeit abschätze, das ggf. nachstelle und meine Ergebnisse überprüfe, auch bei der täglichen nicht-fotobezogenen Arbeit überlege, welchen Effekt ich mit welcher Blenden-/Zeit-Kombination ich erreichen kann.

 

Herbertstraße St. Pauli

5. Nach stundenlangem Schuften, schauen sich viele deine Bilder im Netz an, klicken sich innerhalb weniger Sekunden durch eine großen Menge Arbeit. Was wird denn deiner Meinung nach am meisten am Job eines Fotografen unterschätzt?

Allgemein und platt formuliert ist es natürlich die Knipserei – jeder hat heutzutage eine Kamera mit Automatik-Funktion, die für die meisten Lichtsituationen akzeptable Ergebnisse erzielt. Mit dem entsprechenden technischen und theoretischem Hintergrundwissen kann ein Fotograf aus akzeptablen Aufnahmen herausragende machen – und das “manuelle” Fotografieren ist denke ich mal gemeinhin unterschätzt.

Für die Konzertfotografie im Speziellen ist sicherlich eine unterschätzte Fähigkeit die Flexibilität, auf das Vorhandene zu reagieren und innerhalb von wenigen Minuten innerhalb weniger Bilder die Emotionalität von 2 Stunden in vielleicht 20 Bildern zu fangen, die am Anfang des Konzerts entstehen und mit dem Rest in der Regel nichts mehr zu tun haben. Der Konzertfotograf muss wissen, mit welcher Erwartungshaltung die Zuschauer oder Konsumenten später die Bilder sehen wollen - intim, heroisch, unschuldig, abschreckend – und seine Bildgestaltung entsprechend einsetzen.

Weitere unterschätzte oder nicht bedachte Fähigkeiten bei anderen Sparten der Fotografie:

Für Reportagen: Unauffällig sein, zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, Situationen vor dem Geschehen erspüren

Für Promo- und Modeshootings: Regisseur zu sein, Sympathie auf Knopfdruck erzeugen können

 

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Es dankt, für die sehr ausführlichen Antworten, für die sehr ausführlichen Bilder und die vielen schönen Fotos überhaupt: ich.

Links:

.: Marco Maas’ Blog “The Maastrix”

Comments 4

  1. Markus wrote:

    Immer wieder interessant, mal die andere Seite zu sehen. Aus meiner Perspektive (ich gehöre zum Tour – Tross) kann ich sagen, daß ich bisher noch nie Vorgaben des Managements zur Lichtgestaltung bei den berühmten ersten drei Songs erlebt habe. Aber natürlich verpulvert man nicht alle Effekte bereits am Anfang der Show; man will sich im Laufe des Konzerts ja noch steigern können.

    Daß es Limits für Photographen und Filmteams gibt, liegt an verschiedenen Gründen: bei bestuhlten, ruhigen Konzerten nerven die herumwuselnden Presseleute die Besucher, bei unbestuhlten Arenakonzerten braucht man den Platz im Graben einfach, da sind Photographen im Weg. Ehrlicherweise können sich auch ein paar Kollegen nicht benehmen und darunter muß dann der Rest der Presse leiden. Sowas ist bedauerlich, aber man will bestimmte Erfahrungen einfach nicht häufiger machen.

    30 Sekunden – Shots, 100 Meter – Distanzen und ähnlicher Schwachsinn ist aber auch in meinen Augen Schikane.

    Nicht unterschätzen sollte man aber tatsächlich die Position der Künstler in dem ganzen Spiel. Auch wenn sie im direkten Gespräch natürlich meist nett und zugänglich sind, kommen doch oft Vorgaben von ihnen, die dann andere (nach dem guter Bulle/böser Bulle – Prinzip) für sie durchsetzen müssen. Auch hier spielen schlechte Erfahrungen und verletzte Eitelkeiten oft eine Rolle.

    Posted 25 Feb 2008 at 1:12 pm
  2. Markus wrote:

    Noch kurz ein Satz zu Filmteams: sobald sich das Bild bewegt und Ton zu hören ist, sieht die Rechtslage in Deutschland ganz anders aus. Plötzlich entstehen erhebliche Kosten durch GEMA und GVL. Während die GEMA durch den übertragenden Sender bezahlt werden muß, bekommen Musiker bei Fernsehberichten zusätzliches Geld, das in der Regel durch den Tourveranstalter zu bezahlen ist. Im Rahmen des Tourdeals einigt man sich dann beispielsweise auf die ersten zwei bis drei Songs als mit der Gage abgegolten. Weitere Songs kosten aber gerade bei Mietmusikern noch mal richtig Geld. Darum kann sich ein Filmteam in der Regel also nicht aussuchen, welche Songs sie filmen wollen.

    Posted 25 Feb 2008 at 1:17 pm
  3. marco wrote:

    hi markus,

    gerade gestern bei den pumpkins war eine freundin von mir mit dabei, die das interview hier auch gelesen hatte, und die bestätigte mir meine 3-song-licht-vermutung noch einmal – als wir mit dem gepäck aus dem graben waren, meinte sie, dass die lichtqualität sich nachhaltig verbessert hat. aber wie gesagt, das ist eine erfahrung, die ich bisher hauptsächlich mit großen us-shows gemacht habe, bei euch und frau louisan z. b. ist das wirklich nicht so.

    Posted 27 Feb 2008 at 5:01 pm
  4. Markus wrote:

    Ich hatte in den vergangenen …. 24 … (huch) Jahren auch schon das Vergnügen mit US Produktionen, aber auch da gab es die Vorgaben nicht. Wenn, wäre es echt ärgerlich (und auch dumm). Wieso soll es für die Profis nicht genug Licht geben, aber dann später für die ganzen Handyphotographen.

    Posted 27 Feb 2008 at 6:23 pm

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