Steffen Wurzel (ARD, Washington): “Den Amerikanern ist es nicht Schnuppe, wer ins Weiße Haus einzieht!”

Es gibt definitiv Jobs auf der Welt, die man – ganz subjekt – zu den coolsten der Welt zählt. Präsident der USA, Chef von Apple, Head of irgendwas bei Google, Schokoladentester, Testfahrer bei Mercedes. Man findet auf den ersten Blick keine Nachteile.

Für viele Journalisten ist einer dieser Traumjobs sicherlich Korrespondent in Washington zu sein. Direkt am Puls des mächtigsten Landes der Welt. In die Heimat erzählen, was in Amerika gerade wichtig ist. Denn irgendwie betrifft uns das alle mehr oder weniger.

SWR-Volo (Volontariat = journalistische Ausbildung) Steffen Wurzel war die letzten Wochen in Washington und hat für die ARD Wellen unter anderem von den Vorwahlen berichtet.

deshalb heute heute: kleinefragen an Steffen Wurzel

Steffen Wurzel mit Obama-Wahlplakat
Steffen Wurzel mit einem Wahlplakat – repräsentativ für alle Kandidaten.

Einige Antworten kann ich leider nicht drucken – “Betriebsgeheimnis” der ARD

1. Du hast die letzten Wochen als Hörfunkkorrespondent für die ARD in Washington gearbeitet. Was waren denn deine Aufgabenbereiche? Und welche Themengebiete hast du abgegebildet?

Zunächst muss ich erklären, dass die vergangenen Wochen im Rahmen meines SWR-Volontariats in den USA verbracht habe. Bedeutet: Ich war kein ‘richtiger’ Korrespondent – sondern nur auf Zeit in Washington DC. Vom Zeitpunkt meines Aufenthaltes hatte ich großes Glück: Die Vorwahlen zur Präsidentschaftswahl im November dominieren das mediale Tagesgeschehen und so war es für keine Sekunden langweilig. Die meisten meiner Hörfunkbeiträge drehten sich dementsprechend auch um die Vorwahlen bzw. die Kandidaten. Das reichte von einer Reportage über den Barack Obama-Personenkult unter Jungwählern bis zu einem Porträt über einen 17-jährigen Anhänger des konservativen Republikaner-Kandidaten Mike Huckabee. Da es aber auch ein Leben abseits von Politik und Wahlen gibt, habe ich mich unter anderem auch mit Rappern auf Dopingmitteln, dem zehnjährigen Jahrestag des Lewinskyskandals und dem beliebtesten Touristenziel Philadelphias beschäftigt. Das sind übrigens die ‘Rocky Steps’ – die Treppen aus der berühmten Szene im Film ‘Rocky’. Wer hätte das gedacht.

2. In den USA sind zur Zeit Vorwahlen. Wie sehr spürt man eine Art von Spannung bei den Menschen? Reden sie in den Café und Bars darüber? Oder ist es den Amerikanern vielleicht Schnuppe wer da ins Weiße Haus einwandert?

Eine Einschränkungen vor der Beantwortung der Frage: Meine Beobachtungen beschränken sich so gut wie nur auf die Hauptstadt Washington DC, eine sehr politische Stadt, somit nicht prototypisch für die gesamten Vereinigten Staaten. In der Tat habe ich eine Spannung bei den Menschen gefühlt, eine sehr positive Spannung.

Die Vorwahlen werden nicht nur als politische Entscheidung hin zu zwei Präsidentschaftskandidaten wahrgenommen, sondern erscheinen fast ein bisschen wie ein großer sportlicher Wettkampf. Mit allen kleinen und großen Details. Jede Unterstützungsbekundung eines Prominenten für einen der Kandidaten, ein so genanntes ‘Endorsement’, wird medial mit großem Trara verkündet und im entsprechenden Lager gefeiert.

Das war eine ganz neue Erfahrung für mich. Robert De Niro, der unter tosendem Applaus tausender Zuhörer verkündet, dass er Barack Obama anfeuert, oder Action-Legende Chuck Norris, der unter dem Motto ‘Chuck for Huck’ den republikanischen Kandidaten Mike Huckabee unterstützt – das hat schon was.

Aber was mich jenseits aller medialer und PR-Kniffe noch mehr beeindruckt hat, ist die Tatsache, dass alle Amerikaner, die ich kennen gelernt habe, unglaublich viel über ‘ihren’ Kandidaten wissen. Also über die jeweilige Biografie, den politischen Werdegang und natürlich vor allem: Über die Wahlprogramme. In Deutschland habe ich das jedenfalls noch nie erlebt, dass Menschen – die nicht gerade politisch aktiv sind – so detailreich über so gut wie jedes Detail des politischen Programms ihres Lieblingspolitikers (soweit es das bei uns überhaupt gibt) bescheid wissen. Auch hier muss ich aber noch einmal betonen: Die Menschen, denen ich in DC begegnet sind, waren natürlich zum großen Teil politisch besonders interessiert. Aber eben nicht nur …

Um noch rasch die zweite und dritte Frage zu beantworten: Ja, man redet darüber. Überall. Beim Frühstück, bei der Arbeit, beim familiären Abendessen und auch sonst. Und zwar auffällig differenziert. Und: Nein! Natürlich ist es den Amerikanern nicht Schnuppe, wer ins Weiße Haus einzieht!

3. Wie sehen die Leute die demokratischen Kandidaten? Gibt es viel Skepsis, dass zum einen “die erste Frau” und zum anderen “der erste Schwarze” zur Wahl stehen?

Meiner Beobachtung nach steht die Frage nach Frau oder Afroamerikaner nicht im Vordergrund. Natürlich wird darauf geachtet: Wie viele Frauen unterstützen Hillary Clinton und wie viele Afroamerikaner wählen Obama. Aber die Tatsache, dass weder Barack Obama noch Hillary Clinton ihre ‘Besonderheit’ in ihren Wahlkämpfen außen vor lassen, zeigt, dass man damit keine Wahl gewinnt. Und vermutlich auch nicht entscheidet.

4. Deutsche Bundeskanzlerkandidaten/innen hadern um ein TV Duell und geben Kommentare zu allen möglichen Themen in Tagesschau und heute Journal. Amerikanische Präsidentschafstkandidaten spielen in Gags bei Comedy-Shows mit und wandern durch alle Talk-Shows. Gelingt es den Kandidaten darüber ihre lustige, sympathische Seite zu zeigen oder wird das eher kritisch gesehen – frei nach dem Motto: Dessen Job wird so ernst, der sollte eigentlich keine Zeit für solche Späße haben?

Tatsächlich sind die Kandidaten bemüht, möglichst nah an den Normalo-US-Bürger heran zu kommen. Und das geht am Besten: übers Fernsehen. Hillary Clinton setzt sich zum Beispiel in die beliebte Talkshow von Ex-Topmodel Tyra Banks und lässt sich geduldig auf quotenbringende Fragen wie etwa “Wie war denn das damals während des Lewinsky-Skandals?” ein.

Mein Favorit aber: Der demokratische Kandidat John Edwards, berühmt für seine stets akkurat geformte Frisur, ist bei Talkshow Legende David Letterman zu Gast. Eben dieser überrascht Edwards mit dem Geständnis: ‘John, wissen Sie was? Ich würde Ihnen gerne mal durchs Haar struwweln!’ Gesagt, getan. Lacher bei Edwards und Letterman, Lacher im Publikum und Lacher bei den Fernsehzuschauern garantiert. Das macht Laune. Aber trotzdem schaffen es die Kandidaten natürlich immer wieder, ihre Wahlprogramme in jeder noch so heiteren Fernsehshow unter zu bringen.

Es dankt wie immer ausführlichst: ich.

Und wir freuen uns auf eine spannende Vorwahl und, im November natürlich, Wahl in den USA.

Links:

.: Tagesschau-Special zu den US-Wahlen
.: Kandidaten-Portraits bei 1Live von Steffen Wurzel

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