Hamburg letztes Wochenende. Ein Flugzeug landet. Davor hat das Flugzeug schon einmal versucht die Landebahn zu treffen, ist aber knapp gescheitert. Dann tauchte ein Video vom ersten Landeanflug auf und die “Beinahekatastrophe” diente N24 und N-TV am Montag als Programmfüller. (hier klicken um das Video zu sehen)
Jetzt wird diskutiert, ob die schöne Pilotin wirklich hätte landen dürfen. Und noch vieles mehr.
Cyrus Sadri ist selbst Co-Pilot und am gleichen Tag auch in Hamburg gelandet.
Er klärt auf, wie oft so ein Co-Pilot (schön oder nicht schön) landen darf oder soll, ab wann wir Passagiere uns Sorgen machen müssen und wie hart so eine Pilotenausbildung eigentlich ist.
deshalb heute: kleinefragen an Cyrus Sadri

Sehr sehr sehr sehr spannend!
1. Wie oft bist du denn schon mit einem Flieger wieder durchgestartet kurz vor dem Aufsetzen? Und: Kommst du dabei aus der Ruhe oder gehört das zum Standardreportoire?
Bisher bin ich erst dreimal in meiner Verkehrsfliegerlaufbahn durchgestartet. Also etwa einmal pro Jahr. Im Simulator oder in der Ausbildung macht man es aber andauernd. Deshalb ist es eigentlich nicht schlimm und ein routinierter Vorgang, bei dem man allerdings feuchte Hände bekommt. Die Gründe waren bei mir aber bisher immer nur “runway blocked”. Es befand sich also noch ein anderes Flugzeug auf der Bahn.
Etwas ganz anderes ist es, wenn man in Bodennähe oder sogar nach dem Aufsetzen durchstarten muss. Bei der Geschwindigkeit (je nach Gewicht 200-250 km/h) kann dann ziemlich viel Beton und Stahl im Weg stehen. Das ist dann nicht mehr lustig.
2. Wie oft fliegt eigentlich der Co-Pilot den Landeanflug?
Jedes zweite Mal. Das ist eine Standardregel. Manchmal sogar öfter. Wenn in einem Dienst eine ungerade Fluganzahl ist, dann läßt der Kapitän dem Co-Piloten in der Regel den Vortritt. Das wird immer vor dem Dienst im Briefing besprochen. Einzige Einschränkung: Bei starkem Nebel findet beim Airbus und anderen großen Verkehrsflugzeugen eine automatische Landung statt, die wird immer vom Kapitän durchgeführt.
3. Ab wann sollte ich mir denn als Passagier mir Sorgen machen?
Eigentlich sollte man sich als Passagier nie Sorgen machen. Mitteleuropäische Cockpitbesatzungen sind allerbestens ausgebildet und regelmäßig trainiert. Als Passagier kann man sowieso überhaupt nichts machen, außer seinen Gurt fest anzuziehen und den Anweisungen der Besatzung zu folgen. Wir müssen alle sechs Monate für zwei Tage in den Simulator und jeweils vier Stunden lang ausschließlich Fehler und Ausfälle trainieren. Das ist anstrengend, gibt aber auch ein sicheres Gefühl. Als Passagier kann man in der Kabine die Lage nicht einschätzen. So können Turbulenzen zum Beispiel für den Passagier sehr unangenehm sein und Ängste erzeugen, ohne eine Gefahr für den Flug darzustellen. Hingegen einen Triebwerksausfall, der auf jeden Fall eine gefährliche Notsituation ist, bekommt der Passagier normalerweise garnicht mit.
4. Der Fall in Hamburg: War das jetzt was außergewöhnliches oder erscheint uns das nur als Video so wahnsinnig gefährlich? Schließlich hat sich bis das Video auftauchte kein Mensch dafür interessiert?
Das schlimmste an dem Fall ist, dass es jetzt unheimlich viele selbsternannte Experten gibt, die alle eine Meinung haben. Besonders Augenzeugen und Passagiere wollen da ganz genau wissen, was passiert ist. Und das ist Schwachsinn! Die Ausbildung zum Piloten dauert zwei bis drei Jahre und erfordert ein sehr umfangreiches Theoriewissen und 200stündiges Flugtraining. Ich rede einem Chirurgen ja auch nicht rein, dass er den Schnitt besser so oder so machen soll.
Da die Untersuchungen zu dem Fall noch lange nicht abgeschlossen sind, wäre es unseriös da jetzt zu spekulieren. Ich bin an dem Samstag selbst in Hamburg geflogen und muss sagen, dass es keine normale Wetterlage war. Der Anflug auf dem Video sah mir schon sehr problematisch aus. Ich glaube ich hätte früher den Anflug abgebrochen und die Landebahn 33 beantragt. Ich bin an dem Tag selbst ohne Probleme auf der 33 gelandet. Wir hatten aber in diesen Tagen immer soviel Sprit dabei, dass wir uns mehrere Anflüge hätten leisten können.
5. Welches Wetter muss denn überhaupt herrschen, damit Landen und Starten – oder gar Fliegen – nicht mehr möglich ist?
Heutige Verkehrsflugzeuge sind inzwischen so gut ausgestattet, dass Landungen selbst im dichten Nebel möglich sind. Der Seitenwind darf beim Airbus bis maximal 38 Knoten (ca. 70 km/h) kommen. Das sind alles schon extreme Wettersituationen in denen eine sichere Landung möglich ist.
Überhaupt nicht sicher ist eine Landung, wenn eine Gewitterzelle genau über dem Flugplatz steht. Dann würde man in eine Warteschleife einfliegen und das Gewitter abwarten. Die Gewitterzellen sind auf unserem Bordradar aber sehr gut auszumachen und ziehen innerhalb weniger Minuten ab. Man sitzt die Angelegenheit dann also aus und versucht es wenige Minuten später.
es dankt wie immer tausendfach: ich.
Comments 5
Das war mal wieder interessant. Es dankt ebenfalls tausendmal: ich.
Posted 06 Mar 2008 at 11:18 pm ¶Wie oft muss ein Pilot im Monat fliegen ???
Posted 15 Mar 2009 at 9:54 am ¶Ein Pilot hat etwa 15-22 Arbeitstage im Monat und fliegt mindestens einmal pro Arbeitstag selbst. Oft auch zweimal.
Grüße
Posted 17 Mar 2009 at 3:35 pm ¶Cyrus
Hat man auch noch für die Familie Zeit ?
Posted 28 Jul 2009 at 8:47 pm ¶Der Dienstplan eines Piloten ist sehr wechselhaft (Früh- und Spätdienste im Wechsel) ab und zu ist man über Nacht weg. Es gibt keinen Monat, der einem anderen Monat gleicht, keine Woche ist wie die andere Woche. Aber Zeit für Privates bleibt auf jeden Fall. Besonders im Winter, wenn traditionell weniger Flugzeuge im Einsatz sind.
Posted 29 Jul 2009 at 9:52 pm ¶Post a Comment