Gewalt im Auswanderparadies: “In einigen Vierteln baten die Bewohner um Vergebung”

In Südafrika kam es in den letzten Wochen immer wieder zu gewaltsammen Übergriffen auf Ausländer. Zehntausende mussten flüchten, wie sich hier bei Reuters nachlesen lässt. Jetzt wird kaum noch darüber berichtet.

Zeit zum Nachfragen – Stefan Eggers lebt und arbeitet in Südafrika.

Stefan Eggers

1. Fühlen Sie sich zur Zeit in Kapstadt sicher?

Eigentlich fühle ich mich in Kapstadt sicher bzw. habe ich nicht das Gefühl, das sich die Sicherheitslage für mich in den letzten Wochen verschlechtert hat. Ich wohne und arbeite in relativ sicheren Vierteln, so dass sich bis auf die immer bestehende Möglichkeiten von Einbrüchen und Überfällen an sich nichts verändert hat. Es herrschte während der Unruhen gelegentlich gespannte Atmosphäre, doch ich selbst war nie Ziel von Aggressionen.- Andererseits wurde eine mir bekannte Südafrikanerin völlig unvorhergesehen bedroht, als sie im Gespräch bekannte, dass ihre Eltern aus Swasiland stammen – dabei hat sie eine südafrikanischen Pass und hat ihr bisherigen Leben hier verbracht. Zielscheibe der Unruhen waren eindeutig Ausländer aus anderen afrikanischen Ländern.

2. Was für Leute – aus welchen Schichten – sind dass denn, die zur Zeit gewalt bereit sind und gegen die illegalen Ausländer vorgehen?

Die Gewalt ist in den Townships ausgebrochen, zuerst bei Johannesburg, und hat dann über weitere Teile des Landes übergegriffen. Hier sind es vor allem arme Menschen, die meist über eine geringe Bildung verfügen und sich vom Zustrom der Einwanderer aus den Nachbarländern bedroht bzw. noch mehr benachteiligt fühlen. Sie haben das Gefühl, dass Ihnen Arbeitsplätze und Aufstiegschancen von den Einwandern weggenommen werden. Oft ist es auch so, dass die Zuwanderer für geringe Löhne arbeiten gehen und z.T. über eine hohen Bildungsstand verfügen. Dabei ist zu sagen, dass beispielsweise der große Flüchtlingszustrom aus Simbabwe lange bekannt war und die Regierung es versäumt hat, hier aktiv zu werden um die Situation vorausschauend zu regeln und Spannungen abzubauen. Oft sind es auch politische Flüchtlinge, so dass es mir problematisch erscheint allgemein von illegalen Ausländern zu sprechen. Die Unruhen zeigen auch große soziale Spannungen im Land, wo viele Einflüsse eine Rolle spielen.

3. Wie sicher sind denn Ausländer in Südafrika im Allgemeinen? Im TV sieht man ja gerne Bilder vom Auswander-Paradies mit riesigen Siedlungen in den Hügeln von Kapstadt.

Ein umfassendes Urteil kann ich mir nicht erlauben, da ich eigentlich nur die Lage in und um Kapstadt kenne. Hier muss man unterscheiden, da sich die jüngste Gewalt vor allem gegen “schwarze” Zuwanderer richtet und z.B. “weiße” europäische Zuwanderer davon meines Wissens nicht betroffen waren. Bedroht, angegriffen, getötet und vertrieben wurden Zuwanderer aus anderen afrikanischen Ländern wie Somalia, Simbabwe, Mozambique. Mitunter auch solche, die schon lange im Land leben und sich durch Läden und Geschäfte etc. eine Existenz aufgebaut haben. Doch es geschehen viele Gewaltverbrechen in Südafrika; (anscheinend) glaubwürdige Zahlen besagen, dass 90% der Verbrechen in den townships passieren, von denen man meist nichts mitbekommt.

4. Zur Zeit ist es ein wenig ruhiger in Kapstadt – was glauben Sie wie wird der Konflikt in den kommenden Wochen weiterverlaufen?

Die nun wieder vertriebenen Flüchtlinge müssen in den Camps mit Lebensmitteln und Kleidung versorgt werden, die meisten haben alles verloren. Außerdem ist es Winter und nachts kalt. Viele wollen nicht mehr zurück, weil sie sich einfach nicht mehr sicher fühlen und um ihr Leben fürchten. In Ihren Heimatländern ist die Situation meist auch nicht besser, sie haben ihre Heimat ja nicht grundlos verlassen. Die Sicherheitslage hat sich wieder beruhigt, die Übergriffe vorbei. Schließlich wurde auch die Armee eingesetzt. In einigen Viertel baten die Bewohner die “Ausländer” um Vergebung und darum, dass sie in zurückkehren. Auf jeden Fall ist Südafrika geschockt. Die Regierung muss sich von allen Seiten Vorwürfe gefallen lassen, zu spät und halbherzig reagiert zu haben, in der Zuwanderungsfrage sowie bei den Ausschreitungen. Insbesondere Thabo Mbeki steht massiv in der Kritik, auch weil er nicht direkt vor Ort war und sich erst spät und über das TV an das Land gewandt hat. Die Ausschreitungen haben ein großes soziales Problem sichtbar gemacht; eine aktuell veröffentlichte Studie brandmarkt Südafrika als das ausländerfeindlichste Land weltweit, i.S.v. das Land, dass Zuwanderern gegenüber am negativsten eingestellt ist. Die Gesellschaft wieder zusammenzuführen wird sicher nicht einfach. Südafrika sieht sich gern als “rainbow nation” aller Bevölkerungsgruppen – diese Vision hat auf jeden Fall einen schlimmen Dämpfer erhalten, die schwere nationale Krise muss erst einmal bewältigt werden.

Mehr Infos zum Thema (auf englisch) finden sich bei der Times aus Südafrika. Hier klicken.

Es dankt, wie immer, tausendfach: Ich.

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