Seit Al Gore ist alles ein wenig eigenartig auf dieser Welt. Seit seinem Film “Eine unbequeme Wahrheit” muss, soll, kann, schützt jeder das Klima. Es geht um nichts weniger als uns!
Und am liebsten kümmern sich junge, agile, mutige, gutaussehende, intelligente Leute um das Klima. Achja, kaufkräftige und – die scheinen dem Utopia-Vermarkter “Orangemedia” sehr wichtig – die Meinungsbildenden. Die, auf die wir Normales hören.
Daran ist nichts überraschend oder gar schlimm. Irritierend ist nur, dass sich plötzlich genau aus diesem Grund jeder den grünen Daumen anklebt. Bestes Beispiel: Der Energieriese BP “powered” das SpiegelOnline-Special “Erneuerbare Energien”.
Das ist doch nur Masche, Marketing und medienwirksam, oder?
Ich weiß es nicht – fragen wir doch mal Greenpeace.
Herr Jürgen Knirsch, Handels- und Globalisierungsexperte bei Greenpeace , hat sich die Zeit genommen mir ein paar Fragen zu beantworten. Er bringt bezeichnende Beispiele, klärt über die Lage der Naturschutzorganisationen auf und zeigt wie schwierig es ist auch nur annährend klimabewusst zu konsumieren.
Vielen Dank!
1. Über Jahre war es für Naturschutzorganisationen und -bewegungen schwierig, finanzielle Unterstützung von großen Konzernen zu bekommen. Hat sich das in den letzten zwei bis drei Jahren deutlich geändert – und falls ja, wie wird das deutlich?
Zunächst ist festzuhalten, dass nicht alle Natur- und Umweltschutzorganisationen eine finanzielle Unterstützung von Unternehmen wollen. So schließt zum Beispiel die Fundraising-Ethik von Greenpeace International diese Geldquelle eindeutig aus:
“Greenpeace bemüht sich weder um finanzielle Unterstützung, noch akzeptiert die Organisation Spenden von Regierungen, Unternehmen, politischen Parteien oder multinationalen Regierungsorganisationen wie z. B. den Vereinten Nationen oder der Europäischen Union.
Greenpeace nimmt keine Spenden an, die die Ziele, die Unabhängigkeit, die Werte oder Integrität der Organisation beeinträchtigen könnten, noch bemüht sich Greenpeace um solche Gelder”.Nicht alle anderen Umweltorganisationen wollen und können einen Weg wie den von Greenpeace gehen. Wer sich die Internetauftritte vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND), des Bundesverbands Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) oder des Deutschen Naturschutzrings (DNR) anschaut, wird dort keine bis nur wenig Hinweise auf Kooperationen mit Unternehmen finden. Dagegen listet der Naturschutzbund Deutschland (NABU) einige Partner aus der Wirtschaft auf und verfügt der WWF über eine beeindruckende Liste von mehr als vierzig Kooperationen mit Unternehmen:
“Der WWF arbeitet mit namhaften Unternehmen der unterschiedlichsten Branchen erfolgreich zusammen. Mit jedem Unternehmen geht die Umweltstiftung eine individuelle Kooperation ein. Manchmal bietet sich nur die Gelegenheit für eine kurzfristige Promotionsaktion. Häufiger engagieren sich die Unternehmen jedoch langfristig”.
Aus Sicht der ersten vier genannten Organisationen lässt sich die Frage also anders beantworten als aus dem Blickwinkel der beiden zuletzt zitierten.
2. Der Imagegewinn für die Firmen durch solche Partnerschaften ist immens. Verbirgt sich dahinter aber nicht oftmals nur eine Beschönigung der Bilanzen – frei nach dem Motto: “Seht her, wir haben für Betrag X folgende Projekte unterstützt. Das ist unser Beitrag zum Klimaschutz”. Oder tun die großen Konzerne in den letzten Jahren tatsächlich deutlich mehr für den Klimaschutz?
Wenn ein Autokonzern wie VW gleichzeitig mit einem Umweltverband Spritspartage durchführt, Werbung für sogenannte Biokraftstoffe schaltet, die weder “bio” noch klimaschützend sind, und Berühmtheiten wie Topmodel Heidi Klum und ihren Gatten, den Popsänger Seal, mit nicht gerade spritsparsamen VW-Tiguan-Modellen (“Der Tiguan überschreitet Grenzen. Kraft und Wirtschaftlichkeit. Kompaktheit und Raum. Zivilisation und Wildnis… In ihm verschmelzen die Eigenschaften eines kompakten SUV (Sports Utility Vehicle) mit dem Design eines echten Sportwagens.”) -lustvoll durch Los Angeles rasen lässt – welche Botschaft hinsichtlich Klimaschutz sendet dann der Konzern aus? Zumindest die, dass jede Zielgruppe bedient wird.
Im Jahre 1988 hat die REWE-Group als erster Supermarkt ein eigenes Bio-Sortiment in die Regal gebracht. Zwanzig Jahre später verkündete das Unternehmen, dass es zukünftig den Strom für seine bundesweit mehr als 6000 Märkte und Reisebüros komplett aus erneuerbaren Energien beziehen wird. Damit würde REWE nach eigenen Angaben zum größten Nutzer von Ökostrom in Deutschland werden. “Wir haben aus der Klimaschutzdebatte Konsequenzen gezogen und die Initiative ergriffen”, erläuterte Alain Caparros, Vorstandsvorsitzender der REWE Group, am 21. Januar auf der Grünen Woche in Berlin diesen Schritt des Unternehmens. Womit Herr Caparros nicht zitiert wurde, ist die Tatsache, dass REWE an der EHA Energie-Handels-Gesellschaft, die den Grünstrom für REWE liefert, auch beteiligt ist. So profitiert der Konzern auch direkt wirtschaftlich von seiner Klimaschutzentscheidung. Ist diese deshalb weniger wertvoll?
Welche Schlüsse lassen sich aus beiden Beispielen ziehen? Ja, es tut sich was! Ja, man kann auch mit Klimaschutz auch Geld machen! Ja, die Geschichte wiederholt sich, und das, was nach der Rio-Konferenz zu Umwelt und Entwicklung im Jahre 1992 “die Nachhaltigkeit” war, ist nach den alarmierenden Berichten des Weltklimarats “der Klimaschutz”. Werden deshalb die großen Herausforderungen (wie umgehen mit den Problemen Arbeitsplätze, wirtschaftliches Wachstum, nachhaltiger Konsum, Umweltschutz und globale Gerechtigkeit in Zeiten des Klimawandels) in Ansätzen angegangen? Leider nein oder nur in zu kleinen Schritten.
3. Wie kann ich als Verbraucher denn erkennen, ob mich meine subjektive Empfindung nicht täuscht und eine Firma wirklich umweltbewusst wirtschaftet?
Der erste Schritt ist, bei sich selbst anzufangen und sich die Frage zu stellen: brauche ich das Produkt oder die Dienstleistung des Unternehmens tatsächlich?
Der zweite Schritt ist schwieriger: Denn was heißt es genau – auf das fragliche Produkt oder die Dienstleistung bezogen – “umweltbewusst” zu wirtschaften? Ein Mobilfunkunternehmen kann seine Mobiltelefone in Recycling-Kartons verpacken, die Gebrauchsanweisung auf Umweltschutzpapier drucken, ein Solar-Ladegerät mitliefern und einen sogenannten klimaneutralen Handy-Tarif anbieten – und dennoch “die andere Seite der digitalen Revolution” unberücksichtigt lassen – die Arbeitschutz- und Menschenrechtsverletzungen wie auch Umweltbeeinträchtigungen, die mit dem Abbau von Coltan verbunden sind. Das Erz Coltan dient als Ausgangsprodukt zur Herstellung von Tantalpulver, Tantalpulver wird wieder zur Produktion von Elektrolyt-Kondensatoren, die z. B. in Handys und Computern eingesetzt werden, benötigt.
Sicherlich ist es im Internet-Zeitalter einfach, sich über Produkte, Dienstleistungen und Unternehmen und deren Folgeerscheinungen ausführlich zu informieren. Zur Verfügung stehen auch weiterhin die klassischen Wege und Beratungsangebote (der Verbraucherzentralen und Umwelt- und Verbraucherorganisationen und neuerdings auch der LOHAS-Strukturen) wie auch die Printprodukte der Stiftung Warentest oder von Ökotest. Diese Informationsangebote sind jedoch nicht für alle Produkte und Dienstleistungen vorhanden oder – wenn doch verfügbar – auch nicht immer umfassend oder widerspruchsfrei.Wer keine Zeit für Recherchen hat, dem bleibt zur Zeit das “Bauchgefühl”. Oder jemand bemüht sich, eine Finanzierung für die Wiederbelebung und Aktualisierung der “Unternehmenstester” sicherzustellen. In den neunziger Jahren verschafften diese in Anlehnungen an das amerikanische Vorbild als Taschenbücher erschienenen Ratgeber für den verantwortlichen Einkauf einen guten Überblick über die Produkte ausgewählte Branchen (Lebensmittel, Kosmetik, Körperpflege und Waschmittel).
4. Der Spiegel lässt sein Spezial “Erneuerbare Energien” von BP “powern” (zum Special hier entlang) und Utopia.de wird vom Otto-Konzern finanziert. Ist das für Sie eine scheinheilige Umverteilung des Werbeetats oder sind Sie froh, dass Projekte wie Utopia dadurch erst entstehen können?
Sicherlich wissen Unternehmen über den Stellenwert von Homepages im Web 2.0 – Zeitalter wie auch über die Möglichkeit, über digitale Medien auch unterschwellige Botschaften zu vermitteln. Wichtig ist, dass Transparenz vorherrscht, d.h. dass die Geldquellen deutlich ausgewiesen sind, und dass die Unternehmen keinen direkten Einfluss auf die Inhalte der Homepages und Internetportale nehmen können. Sofern dies gegeben ist, spricht nichts dagegen, dass Informationen zu erneuerbaren Energie oder zum kritischen Konsum auch dank derartiger Geldquellen verfügbar sind. Fraglich ist jedoch, ob sich “die Schere im Kopf” bei den Redakteurinnen und Redakteuren auch dann vermeiden lässt, wenn kritische Informationen über die Aktivitäten der Geldgeber vorliegen.
Es danke, wie immer, tausendfach: ich.
Herr Knirsch hat mir noch die Quellenangaben überlassen. Bitteschön:
http://www.greenpeace.de/(…)
http://www.bund.net/
http://www.dnr.de/
http://www.bbu-online.de/
http://www.nabu.de/m09/m09_04/06058.html
http://www.wwf.de/kooperationen/
http://www.volkswagen.de/vwc(…)
REWE-Presseerklärung: REWE Group schaltet komplett auf Grünstrom um. Caparros: “Nicht nur wirtschaftlich im Grünen Bereich, sondern auch in punkto Strom”. Köln/Berlin, 21.01.2008
John Horvath: Aus Blut gemacht. Tantal oder die andere Seite der digitalen Revolution. In: Telepolis, 09.07.2002
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