In Großbritannien war Radio schon immer mehr. Nicht nur Abspielstation für die Hits der 90er, 2000er und dem Besten von Heute. Radio war Unterhaltung, Radio bestand aus Shows, DJs, aus echten Producern. Selbst kleinere Lokalstation leisten sich noch heute 24-Stunden-Vollmoderation.
Ganz vorn dabei: die BBC. Gefühlt noch vor dem Internet selbst, war die britische Anstalt online. Schnell wurde der Radiobereich zu einem der wichtigsten und innovativsten weltweit. On-Demand-Streams gehörten zur Grundausstattung; seit langer Zeit sind sämtliche Radiosendungen der letzten sieben Tage aller Programme on demand zum Anhören. Erfolgreich:
- wöchentlich ca. drei Millionen Unique User (!) der Radio-Streams im Mai 2009
- 14 Mio. Stunden an Live-Stream-Abrufen
- unglaublich viele, viele, viele Podcast-Abrufe (der erfolgreichste hat im Monat 1,2 Mio. Downloads!)
Die Content-Seiten der BBC-Radiostationen speisen sich bis heute nur in den seltensten Fällen aus Textinhalten. Die Sendungen und ihre Moderatoren stehen seit Beginn im Zentrum. Kontinuierlich wurden neue Formate, zum Beispiel Podcasts (weltweit einmalig mit kommerzieller Musik) gestartet.
Digital, und wie.
Erst kürzlich proklamierte die BBC, dass “‘Radio 1′s Big Weekend’ das größte interaktive Event bisher” war. Online und auf anderen digitalen Plattformen wurde ein Event selten so massiv begleitet:
- 5.3 million video requests received to Radio 1′s Big Weekend website, compared to one million from last year
- Six webcams were placed within the site offering live streaming of the event, creating over one million hits
- Over 1.1 million people tuned into BBC Red Button coverage of Radio 1′s Big Weekend
- Unique Users to Radio 1′s mobile site tripled over the weekend
Zu jeder Stunde verkündet die junge Station, dass BBC Radio 1 “digital, FM and online” empfangbar ist. Alle drei Verbreitungswege sind gleichberechtigt.
Die BBC geht sogar noch einen Schritt weiter: während in Deutschland noch der Kampf um die Zukunft des digitalen Radios ausgetragen wird, schlägt die BBC den Bogen und verbündet sich mit der privaten Konkurrenz. Damit der Verbreitungsweg “Radio” auch in Zukunft erhalten bleibt. Die gemeinsamen Ziele:
- develop an online live radio player – an open platform that streams all live UK radio in one place
- develop a common user interface and electronic programme guide (EPG) for listeners across all devices – DAB, DTV, online and mobile phones
- develop a calendar of exclusive digital-only content for listeners on DAB
Die Entwicklung der BBC-Radiosender im Internet kann jeder interessierte im Radio Labs Blog und im BBC Internet Blog mitverfolgen. In letzter Zeit war dort zu lesen, dass der Sound der Live-Streams verbessert wurde oder, dass der BBC iPlayer, das Herzstück der OnDemand- und Streaming-Angebote der BBC, auch auf anderen Handys empfangbar wird.
BBC everywhere
Ein sehr spannender Punkt. Schnell war klar: Online ist nicht nur “www”. Ins Internet geht es auch mit dem Handy, der Wii oder der PS3. Und überall dort sind die BBC Inhalte auch empfangbar. Im Browser klassisch über http://www.bbc.co.uk/iplayer. Und sonst:
- Apple iPhone/iPod touch
- HTC Diamond
- HTC Touch HD
- Nokia N85
- Nokia N96
- Nokia 5800
- Samsung Omnia
- Sony Ericsson C905
- Sony Ericsson W705
- Sony Ericsson W715
- Sony Ericsson W775
- Sony Ericsson Xperia X1
- Archos 605 WiFi
- Archos Internet Media Tablet
- Creative Zen X-Fi and Creative Zen
- Philips GoGear SA52 series
- Samsung YP-P2 and YP-Q1
- Sony Walkman E and S series
- Nintendo Wii
- Sony Playstation 3
- Linksys DMA2200
- Netgear EVA8000
…und und und und und und und und. Kurz gesagt: auf möglichst vielen Internet-Empfangsgeräten. Genau dort, wo die Hörer sind.
Zuerst war der Sound, dann kam das Bild
Bei der Liste oben stellt jeder schnell fest: im Vergleich zu klassischen Radio-Empfangsgeräten hat so ziemlich jedes Internet-Empfangsgerät auch einen Bildschirm. Das merkte auch die BBC und fragte sich selbst: was passiert eigentlich auf dem Bildschirm?
Schon im Februar 2008 kam es zu ersten Überlegungen zum Thema “Visual Radio”. Im Blog wurden verschiedene Prototypen vorgestellt. Einer der interessanten war eine MashUp-Webseite, die sich zum aktuell laufenden Titel unzählige Informationen aus dem Netz holte:
Noch heute ist der Prototyp online.
Zufrieden waren die Macher noch nicht ganz. Der Autor Simon Cross schloss mit den Sätzen:
“What we need to do now is make it visually stunning (..) and work on the data to make a truly compelling offering.”
Es sollte noch das ganze Jahr 2008 vergehen eh eine Oberfläche geschaffen war, mit der die BBC am 12. Januar 2009 an den Start ging. Der Test dauerte eine Woche. Das Ergebnis lässt sich noch heute auf YouTube anschauen:
Die Grundregeln waren klar. In einem Fazit beschreibt Tristan Fert worum es ging:
We didn’t want to radically change the way a programme is produced, or how the output is perceived by the listeners. What we did want to do is add value for a new group of listeners, and I feel at points during this trial we achieved this.
Roll on phase 2
Boom – and everybody watched Radio
Diese zweite Phase läuft zur Zeit und ist ein Knall. Vielleicht nicht der Urknall für das digitale Radio. Aber das Ergebnis ist so weit vorn, dass ich in der Redaktion mit offenem Mund saß und mir einen Zweitwohnsitz in Großbritannien wünschte (Erstwohnsitz weiterhin hier, weil unser Gesundheitssystem noch deutlich besser ist als auf der Insel).
Der Nachrichtensender Five Live sendete seine Nachmittagshow gleich drei Wochen lang digital via Video und Zusatzinformationen. BBC Radio 1 darf sechs Wochen die Frühsendung mit Chris Moyles übertragen, dazu noch die Vorabendsendung mit Zane Low. Das erfolgreiche Wortprogramm Radio 4 überträgt eine Sendung. Selbst die Digitalstation “6 Music” sendet eine Musiksendung als Visual Radio Show.
Warum soviel? Schließlich ist das Projekt sehr teuer, technisch unglaublich aufwendig. Mark Friend schreibt:
The programmes in the trial represent a cross-section of BBC Radio output and target audiences in order to give us representative insights into how we can innovate and offer a much richer experience to those listening to their radio on a device with a screen, but without losing any quality to traditional radio output.
Weitere Highlights des neuen Players:
- Widescreen-Format
- Empfang auf mobilen Geräten
- Textnachrichten direkt über die Konsole in Studio
- weiterführende Zusatzinformationen von anderen BBC Plattformen
Die BBC versucht das Projekt herunterzuspielen, spricht von einem “Trial”, einem Experiment, aber Guy Strelitz bringt es im Radio Labs Blog auf den Punkt:
We’ve made a monster. We think it’s pretty cool.
We hope you enjoy it!
Take a look back – when there was still just… Radio
Wenn in Deutschland in der nächsten Woche die neue Radio MA kommt, werden alle Stationen feststellen, dass die Kernzielgruppe 14-49 sich langsam aber bestimmt vom Radio abwendet. “Bei den 14- bis 49-Jährigen ist die Reichweite allerdings erneut gefallen, diesmal von 78,1 auf 77,8%” schreibt kress.de vorab. In kleinen Schritten, aber bewegend.
Radiomacher in Deutschland haben schnell richtig erkannt, dass Radio ein Nebenbei-Medium ist. Und genauso nebenbei haben viele den Weg freigemacht für ein austauschbares Programm.
Die BBC wollte das nicht hinnehmen. Radio ist Leben, Unterhaltung und überall wo du bist. Und das Beste: du kannst nebenbei machen was du willst. Und wenn du nichts besseres zu tun hast, dann schau jetzt eben Radio.
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